Mausloch

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Samstag, 16. Mai 2026

Web-Fundstück: Kevin-Gandalf-Malte

Ein Fundstück aus facebook von Tim Reinhold

lesenswert!


Da war er wieder. KGM (Kevin-Gandalf-Malte). Die wandelnde Lebensmittelintoleranz und der Freund meiner ältesten Tochter. Nach mehreren Monaten muss ich sagen, dass sich mein Bild von ihm wesentlich geändert hat. Ich fand den Sprössling von Dinkel-Dörte und Alpakawolle-Wolfgang schon immer nervtötend – wobei das nicht ganz stimmt. Seine Eltern sind nervtötend. Und die kannte ich noch vom Spielplatz, als wir alle noch so taten, als würden unsere Kinder zufällig nebeneinander spielen und wir selbst nicht längst in stiller Feindschaft konkurrierten, wer die biologisch korrekteste Brotdose hatte.
Der kleine Hoffnungsträger war vieles, aber definitiv nicht die erste Wahl, die ich mir für meine Tochter gewünscht hätte – also meine Prinzessin, meine Erbin, mein zartes Licht im Morast der Moderne. Nicht, dass er nicht die erste Wahl hätte werden können – zum Beispiel beim Erkunden von Minenfeldern. Oder um zu schauen, ob da draußen Haie sind. Im offenen Meer. Bei Nacht. Mit rohem Fleisch in der Badehose. Aber dass er ausgerechnet mit meiner Tochter... Man möchte sich einen Schraubenzieher direkt durchs Auge ins Hirn jagen, um diese Bilder aus dem Kopf zu bekommen – begleitet von panischem Schluchzen und einer Desinfektion mit Salzsäure durch die Nase.
Doch als Vater musst du manchmal abwarten. Lauern. Den richtigen Moment abpassen. Oder einfach hoffen, dass es sich um eine Form pubertärer Rebellion handelt, eine Phase, eine hormonelle Störung, die das Kind eines Tages mit einem klaren Blick und einem leisen „Was habe ich mir nur gedacht?“ beendet – gefolgt von einem spontanen Sinneswandel, der sie mit einem promovierten Notar mit Hausschuhen und emotionaler Verfügbarkeit zusammenführt.
Doch Kevin-Gandalf-Malte blieb. Er war regelmäßig zu Besuch. Ich habe keine Ahnung, warum. Vielleicht, weil unsere Familie den Reiz des Gefährlichen hat – Kühlschrank mit echtem Käse, ein Esstisch aus Tropenholz, und ich, das fleischgewordene Testosteron mit Hang zur Zynik. Er quatschte mir regelmäßig ein Kotelett an die Backe – metaphorisch, versteht sich, denn echtes Kotelett hätte er vermutlich nur unter Tränen angefasst und anschließend mit einem Lavendelritual beerdigt. „Gesunde Ernährung ist der Garant für ein langes Leben“, hatte er einmal gesagt. Und ich musste mich schwer beherrschen, nicht zu antworten: Ja, aber ein langes Leben mit Quinoa ist trotzdem scheiße.
Ein Typ, der bereits Schnappatmung bekommt, wenn das Essen nur an Gluten vorbeigetragen wurde. Der bei jeder Form von Laktose zur wandelnden Gasfabrik mutiert und mein geheiligtes Klo stundenlang blockierte, es in einen Raum verwandelte, der unter den Genfer Konventionen mit Sicherheit gegen irgendein Menschenrecht verstößt. Der Zustand war so kritisch, dass ich kurzzeitig überlegte, eine Duftkerze als Beweismittel dem internationalen Strafgerichtshof zu schicken. Und doch – tief in meinem Herzen verspürte ich eine Spur von Mitleid für diesen Jungen. Die Art von Mitleid, die man für einen alten, schwachen Hund empfindet, der einen flehend anschaut, als wolle er sagen: Mach's einfach schnell. Ich bin bereit.
Aber wie erkläre ich das meiner Tochter, wenn ich mit ihm und einer Flinte in den Wald fahre? Wie verkaufe ich diese Szene als bonding-Moment, als Vatertochterfreund-Erlebnis mit leichtem Survival-Touch und einem tragischen Jagdunfall-Potenzial? Ich übe mich in Zurückhaltung. Noch.
Lange Rede, kurzer Sinn: Wir mussten den elterlichen Anstandsbesuch absolvieren. Das Pflichtprogramm des bürgerlichen Wahnsinns. Das kleine gesellschaftliche Höllenfeuer, durch das jeder Vater muss, wenn seine Tochter einen Mann mit biologisch abbaubaren Kondomen liebt. Wir tauchten ein in die ökologische Hölle – barfuß, versteht sich – und ich wusste: Nur C₂H₅OH würde mich vor dem völligen mentalen Zusammenbruch retten. Also hatte ich vorher ein wenig Ethanol in mich hineingeschüttet, nichts Dramatisches, nur so viel, dass ich die Worte „Chia“ und „Darmflora“ hören konnte, ohne mir mit der Kuchengabel die Trommelfelle durchzustechen. Ich war nicht betrunken, nein – das hätte diesen Moment zu angenehm gemacht. Ich war in diesem herrlich schwebenden Zustand zwischen „alles ist mir egal“ und „ich spüre meinen linken Fuß nicht mehr“. Es reichte aus, um noch geradeaus zu laufen, aber nicht mehr, um das Gespräch über energetisierte Zahnseide ernst zu nehmen.
Die Tür öffnete sich und da standen sie: Dörte, in einem Gewand, das vermutlich aus handverlesener Wolle von freilaufenden Schafen bestand, denen man vorher ein Gedicht vorgelesen hatte. Und Wolfgang – mit grauer Duttfrisur, ohne Schuhe, aber mit einem Blick, der sagte: Ich meditiere jeden Morgen und kann dich trotzdem auseinandernehmen, du kapitalistischer Fleischprophet. Ich setzte mein freundlichstes Lächeln auf. Mein Gesicht fühlte sich an wie eine schlecht programmierte Maske in einem alten Videospiel. Während wir uns an den Tisch setzten, fragte Dörte, ob ich das Wasser energetisiert haben möchte oder lieber „roh belassen“. Ich sagte „mit Kohlensäure“, woraufhin ein Moment der Betroffenheit eintrat, der sonst nur bei Naturkatastrophen üblich ist.
Kevin-Gandalf-Malte leuchtete, als wir gemeinsam saßen – mit seiner Prinzessin, seinen Eltern, und mir, dem Totemtier des Kalorienüberschusses. Ich schaute zu meiner Tochter. Sie war glücklich. Offen, leuchtend, liebevoll – und ich, der misstrauische, grantelnde Vater, der sich monatelang durch ökologische Prinzipien, verbotene Lebensmittel und Badezimmergasangriffe gekämpft hatte, saß plötzlich da und dachte: Verdammt. Vielleicht ist das kein Unfall. Vielleicht liebt sie ihn wirklich.
Ich nippte an meinem Bio-Hagebuttentee, der verdächtig nach Spülmittel schmeckte, und ließ die Erkenntnis zu: Dieser Junge – Kevin-Gandalf-Malte – war vielleicht kein Held, kein Pionier, kein Schwiegersohn, den ich mir im Märchen ausgemalt hätte. Aber er war sanft. Er war bemüht. Er war irgendwie… harmlos. Sollte er jemals meiner Tochter weh tun, reicht ein Anhauchen und er würde Jahre auf der Intensiv und mit Reha verbringen.
Und das, so wurde mir klar, ist im Leben meiner Tochter vielleicht gar nicht das Schlechteste.
Gruß, Euer Tim




Samstag, 23. November 2024

The extraordinary friday

Wie schön, wenn ab und zu ein Wochentag aus der Reihe tanzt! Ein kleiner Farbspritzer im ständigen Alltagsgrau. Ist was Besonderes, weil es nicht allzu oft passiert. Aber gestern hatte ich einen erstaunlich ungewöhnlichen Freitag!

Fing damit an, dass ich pünktlich aufgestanden bin. Nachdem ich einen Tag zuvor verpennt hab, war ich morgens um halb sieben ganz stolz beim Kaffee trinken.
Weiter geht's in der Praxis. Etwas fast vergessenes schleicht sich durch die angelehnte Labortür: Ein Sonnenstrahl! Durch  die Fenster im Wartezimmer kann ich blauen Himmel und Sonne sehen. Wahnsinn! Wie ungewöhnlich! Macht sofort bessere Laune. Genauso wie die Tatsache, dass wir heute den ruhigsten Freitag des Jahres erleben. Um elf Uhr war die Praxis leer .. also richtig leer. Ohne einen einzigen Patient! LEER! Und die Laborarbeit war fertig! Das auch noch, ich war einfach fertig. 
Verblüffung!
Dazu kommt noch, dass alle Patienten, die heute bei mir zum pieksen waren, ausnehmend freundlich daherkamen. Kein böses Wort, kein genervter Blick, sondern lächeln und Lob und Geschichten. Und Zeit - arbeiten mit Zeit ist so kostbar! Ich muss niemand durchschleusen oder aus dem Raum drängen, weil der nächste schon ungeduldig wartet. Ich konnte zuhören und mit den Leuten lachen. Klasse!
Das Sahnehäubchen des Vormittags kommt in Form der Ansage von Kollegin Nachtigall. Wenn der Laborfahrer da war und die Proben alle abgeholt hat, kann ich nach Hause gehen - Überstunden abbauen.
Ta-daa! Wochenende!

Wir starten den Wochenendeinkauf, der diesmal ziemlich simpel daherkommt. Wir brauchen nicht viel. Der Mann ist gut gelaunt (!!) trotz Wind und Schnee, der den schönen blauen Himmel abgelöst hat. Man kann nicht alles haben.
Wieder zu Hause erleben wir das Wunder der Großstadt: wir finden einen guten Parkplatz! Die Freude ist groß!
Sehr ungewöhnlich.

Ich backe den ersten Teil des Kuchens. Am Samstag wollte ich zusammen mit Exi eine kranke Kollegin besuchen und ihren Lieblingskuchen mitbringen. Ich liege gut in der Zeit und bin ganz stolz auf  mich.
Kurz nach Fünf schäle ich mich aus dem warmen Wohnzimmer und schmeiß mich in die kalte Nacht. Im eisigen Wind fahr ich in die City, um ein paar "alte Schulfreundinnen" zu treffen. Innerlich verabschiede ich mich von unserem schönen Parkplatz.
Ich freu mich auf die Mädels. Seit dem Event in der alten Schule kreisen meine Gedanken immer mal wieder um die Schulzeit Mitte der 80er Jahre. Und heute kommt "die Pferdekati", mit ihr hab ich mich damals echt gut verstanden! Wir sind oft beim Ponyhof gewesen - Mädchenzeugs halt. Mit 15 oder 16 hab ich sie zuletzt gesehen, ist also schon ein paar Tage her. 
Die "Bauleiterin" sitzt schon da, wir begrüßen uns überschwänglich. Kurz darauf kommt die "frische Omi", sofort gibt es viel zu erzählen und zu lachen. Ich fühl mich wohl da. Das Lokal ist gemütlich, die Musik relativ dezent, die Speisenauswahl ungewöhnlich (also für mich).
Ich bestelle die erste Kichererbsen-Curry-Bowl meines Lebens. War überraschend fein!
Dann trifft die Pferdekati ein. Große Freude, nach so langer Zeit endlich mal wieder zusammen! Großes Hallo! 
Klasse Abend, so lustig! Wir quatschen über unsere Kinder, die Berufe, die Wechseljahre, die Enkel, die noch nicht vorhandenen Enkel, die Männer und die alten Schulkameradinnen.

Dann trifft mich fast der Schlag - ich lasse den Blick durch den Raum schweifen und entdecke tatsächlich unseren alten Mathelehrer! Schnappatmung! Wortlos zeige ich in die Richtung, alle schauen hin und alle Kinnladen klappen runter! Da steht er, die ehemals schwarzen Haare und der Vollbart jetzt in weiß, aber eindeutig der B .. (wie nenn ich ihn? Bösewicht? Folterknecht? Zahlenteufel? au ja !) eindeutig der Zahlenteufel! 
Damals hab ich ihn aus tiefstem Herzen gehasst - so wie man nur Mathelehrer hassen kann. Er saß immer lässig auf seinem Stuhl, eine Hand in der Hosentasche, rollte sitzend zur Tafel und hat die, die nicht seine Lieblinge waren (also mich) gerne voll auflaufen lassen. 
Der Luzifer unter den Lehrern. Viele Tränen gehen auf sein Konto!
Und trotzdem, trotzdem hab ich mich in dem Moment gefreut, ihn zu sehen. Wir springen auf und gehen hin, wollen hallo sagen.
Ich gebe ihm die Hand und wünsche ihm alles Gute. Trotzdem er mir das Leben jahrelang zur Hölle gemacht hat. Eine Art von innerer Frieden senkt sich über mich! Ich hab dem Zahlenteufel verziehen! Amen.
Um ihn herum sitzen Mädels aus der Parallelklasse! So ein Zufall! Großes Gelächter!

Was für ein schöner, interessanter Abend!
Auf dem Nachhauseweg hör ich Musik und freue mich über diesen ungewöhnlichen Freitag.








Cute Rat