Ein Fundstück aus facebook von Tim Reinhold
lesenswert!
Da war er wieder. KGM (Kevin-Gandalf-Malte). Die wandelnde Lebensmittelintoleranz und der Freund meiner ältesten Tochter. Nach mehreren Monaten muss ich sagen, dass sich mein Bild von ihm wesentlich geändert hat. Ich fand den Sprössling von Dinkel-Dörte und Alpakawolle-Wolfgang schon immer nervtötend – wobei das nicht ganz stimmt. Seine Eltern sind nervtötend. Und die kannte ich noch vom Spielplatz, als wir alle noch so taten, als würden unsere Kinder zufällig nebeneinander spielen und wir selbst nicht längst in stiller Feindschaft konkurrierten, wer die biologisch korrekteste Brotdose hatte.
Der kleine Hoffnungsträger war vieles, aber definitiv nicht die erste Wahl, die ich mir für meine Tochter gewünscht hätte – also meine Prinzessin, meine Erbin, mein zartes Licht im Morast der Moderne. Nicht, dass er nicht die erste Wahl hätte werden können – zum Beispiel beim Erkunden von Minenfeldern. Oder um zu schauen, ob da draußen Haie sind. Im offenen Meer. Bei Nacht. Mit rohem Fleisch in der Badehose. Aber dass er ausgerechnet mit meiner Tochter... Man möchte sich einen Schraubenzieher direkt durchs Auge ins Hirn jagen, um diese Bilder aus dem Kopf zu bekommen – begleitet von panischem Schluchzen und einer Desinfektion mit Salzsäure durch die Nase.
Doch als Vater musst du manchmal abwarten. Lauern. Den richtigen Moment abpassen. Oder einfach hoffen, dass es sich um eine Form pubertärer Rebellion handelt, eine Phase, eine hormonelle Störung, die das Kind eines Tages mit einem klaren Blick und einem leisen „Was habe ich mir nur gedacht?“ beendet – gefolgt von einem spontanen Sinneswandel, der sie mit einem promovierten Notar mit Hausschuhen und emotionaler Verfügbarkeit zusammenführt.
Doch Kevin-Gandalf-Malte blieb. Er war regelmäßig zu Besuch. Ich habe keine Ahnung, warum. Vielleicht, weil unsere Familie den Reiz des Gefährlichen hat – Kühlschrank mit echtem Käse, ein Esstisch aus Tropenholz, und ich, das fleischgewordene Testosteron mit Hang zur Zynik. Er quatschte mir regelmäßig ein Kotelett an die Backe – metaphorisch, versteht sich, denn echtes Kotelett hätte er vermutlich nur unter Tränen angefasst und anschließend mit einem Lavendelritual beerdigt. „Gesunde Ernährung ist der Garant für ein langes Leben“, hatte er einmal gesagt. Und ich musste mich schwer beherrschen, nicht zu antworten: Ja, aber ein langes Leben mit Quinoa ist trotzdem scheiße.
Ein Typ, der bereits Schnappatmung bekommt, wenn das Essen nur an Gluten vorbeigetragen wurde. Der bei jeder Form von Laktose zur wandelnden Gasfabrik mutiert und mein geheiligtes Klo stundenlang blockierte, es in einen Raum verwandelte, der unter den Genfer Konventionen mit Sicherheit gegen irgendein Menschenrecht verstößt. Der Zustand war so kritisch, dass ich kurzzeitig überlegte, eine Duftkerze als Beweismittel dem internationalen Strafgerichtshof zu schicken. Und doch – tief in meinem Herzen verspürte ich eine Spur von Mitleid für diesen Jungen. Die Art von Mitleid, die man für einen alten, schwachen Hund empfindet, der einen flehend anschaut, als wolle er sagen: Mach's einfach schnell. Ich bin bereit.
Aber wie erkläre ich das meiner Tochter, wenn ich mit ihm und einer Flinte in den Wald fahre? Wie verkaufe ich diese Szene als bonding-Moment, als Vatertochterfreund-Erlebnis mit leichtem Survival-Touch und einem tragischen Jagdunfall-Potenzial? Ich übe mich in Zurückhaltung. Noch.
Lange Rede, kurzer Sinn: Wir mussten den elterlichen Anstandsbesuch absolvieren. Das Pflichtprogramm des bürgerlichen Wahnsinns. Das kleine gesellschaftliche Höllenfeuer, durch das jeder Vater muss, wenn seine Tochter einen Mann mit biologisch abbaubaren Kondomen liebt. Wir tauchten ein in die ökologische Hölle – barfuß, versteht sich – und ich wusste: Nur C₂H₅OH würde mich vor dem völligen mentalen Zusammenbruch retten. Also hatte ich vorher ein wenig Ethanol in mich hineingeschüttet, nichts Dramatisches, nur so viel, dass ich die Worte „Chia“ und „Darmflora“ hören konnte, ohne mir mit der Kuchengabel die Trommelfelle durchzustechen. Ich war nicht betrunken, nein – das hätte diesen Moment zu angenehm gemacht. Ich war in diesem herrlich schwebenden Zustand zwischen „alles ist mir egal“ und „ich spüre meinen linken Fuß nicht mehr“. Es reichte aus, um noch geradeaus zu laufen, aber nicht mehr, um das Gespräch über energetisierte Zahnseide ernst zu nehmen.
Die Tür öffnete sich und da standen sie: Dörte, in einem Gewand, das vermutlich aus handverlesener Wolle von freilaufenden Schafen bestand, denen man vorher ein Gedicht vorgelesen hatte. Und Wolfgang – mit grauer Duttfrisur, ohne Schuhe, aber mit einem Blick, der sagte: Ich meditiere jeden Morgen und kann dich trotzdem auseinandernehmen, du kapitalistischer Fleischprophet. Ich setzte mein freundlichstes Lächeln auf. Mein Gesicht fühlte sich an wie eine schlecht programmierte Maske in einem alten Videospiel. Während wir uns an den Tisch setzten, fragte Dörte, ob ich das Wasser energetisiert haben möchte oder lieber „roh belassen“. Ich sagte „mit Kohlensäure“, woraufhin ein Moment der Betroffenheit eintrat, der sonst nur bei Naturkatastrophen üblich ist.
Kevin-Gandalf-Malte leuchtete, als wir gemeinsam saßen – mit seiner Prinzessin, seinen Eltern, und mir, dem Totemtier des Kalorienüberschusses. Ich schaute zu meiner Tochter. Sie war glücklich. Offen, leuchtend, liebevoll – und ich, der misstrauische, grantelnde Vater, der sich monatelang durch ökologische Prinzipien, verbotene Lebensmittel und Badezimmergasangriffe gekämpft hatte, saß plötzlich da und dachte: Verdammt. Vielleicht ist das kein Unfall. Vielleicht liebt sie ihn wirklich.
Ich nippte an meinem Bio-Hagebuttentee, der verdächtig nach Spülmittel schmeckte, und ließ die Erkenntnis zu: Dieser Junge – Kevin-Gandalf-Malte – war vielleicht kein Held, kein Pionier, kein Schwiegersohn, den ich mir im Märchen ausgemalt hätte. Aber er war sanft. Er war bemüht. Er war irgendwie… harmlos. Sollte er jemals meiner Tochter weh tun, reicht ein Anhauchen und er würde Jahre auf der Intensiv und mit Reha verbringen.
Und das, so wurde mir klar, ist im Leben meiner Tochter vielleicht gar nicht das Schlechteste.


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